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Verdauungsstörungen bei Meerschweinchen

Ursachen und Risiken

Meerschweinchen sind nicht nur Pflanzenfresser, sondern darüber hinaus und im Speziellen Zellulose-Fresser, worauf ihr gesamter Verdauungskanal in Bau und Funktion ausgerichtet ist. Dies beginnt mit den Zähnen, die in Schneidezähne und Backenzähne eingeteilt werden. Alle Zähne des Meerschweinchens wachsen während des ganzen Lebens permanent um ca. einen halben Zentimeter pro Monat und müssen folglich um die gleiche Länge durch die Nage- und Kaubewegungen der Tiere gekürzt werden, damit die Zahnlänge konstant bleibt. Einmal aufgenommene und abgeschluckte Nahrung gelangt in den Magen und kann diesen auch nicht mehr durch ein etwaiges Erbrechen wieder verlassen, da das Meerschweinchen wohl Übelkeit empfinden, jedoch den Akt des Erbrechens mangels Magenwandmuskulatur nicht vollbringen kann. Die Magenwand ist sehr dünn, und der Weitertransport des Mageninhaltes ist nur gewährleistet, wenn das Meerschweinchen durch häufige und über den ganzen Tag verteilte Nahrungsaufnahme den Magen immer wieder etwas anfüllt. Bei Futtermangel bleibt eine Mindestmenge an Futter im Magen liegen und kann leicht anfangen zu gären mit der Folge gefährlicher Gasbildung im Magen. Ebenso gefährlich ist es, wenn Meerschweinchen aufgrund widriger Umstände über Stunden überhaupt nicht fressen, dann jedoch plötzlich wieder größere Futtermengen aufnehmen können. Handelt es sich dabei dann womöglich um trockene Pellets, die – insbesondere nach unzureichender Einspeichelung – erst im Magen aufquellen, so kann hierdurch die Magenwand überdehnet werden, was schlimmstenfalls sogar zum Aufplatzen des Magens führen kann.

Im Dünndarm werden die leicht verdaulichen Futterinhaltsstoffe wie Zucker, Stärke, Fette und Eiweiße biochemisch aufgespaltet und über die Darmwand resorbiert. Bei übermäßiger Fütterung zucker- und stärkereicher Substanzen (z.B. Weizen, Roggen, Haferkörner und Haferflocken, Mais, Reis oder etwa zuckerhaltige Snacks) werden solche einerseits relativ schnell aus dem Dünndarm aufgenommen und für den akuten Stoffwechsel sowie zur Bildung von Fettdepots verwendet, andererseits dient eine solche zu hohe Substratkonzentration im Dünndarm der unphysiologischen Bakterienflora als Nahrung und führt infolgedessen zu einer enormen Vermehrung auch und gerade von darmpathogenen (krank machenden) Keimen. Dies kann zu einem ungünstigen Darmmilieu führen mit der Folge einer Dysbakteriose, also einer Verschiebung der Darmflora von nützlichen Kommensalen zu krank machenden Bakterien- und Pilzherden, die Gase produzieren, welche in der Folge Druck auf die Darmwand ausüben und so zu Darm-/Bauchschmerzen und Krämpfen führen.

Der Blinddarm ist ein Blindsack – also quasi eine Sackgasse –, der besonders die zellulosereichen Futterpartikel aufnimmt. In ihm befindet sich eine sehr spezielle Darmflora, nämlich gerade jene, die darauf spezialisiert ist, die Zellulose, die biochemisch vom Dünndarm nicht verwertet und aufgespaltet werden kann, nun im Blinddarm durch Laktobazillen aufzuspalten, woraus wiederum freie Fettsäuren entstehen, die von der Blinddarmwand resorbiert werden. Die Bakterien sind außerdem in der Lage, diverse Eiweiße und sogar Vitamine zu synthetisieren. Dieser Blinddarminhalt wird letztlich zum Blinddarmkot und als solcher unverändert vom Meerschweinchen afterwärts ausgeschieden, unmittelbar danach wieder gefressen, so dass nun über Magen und Dünndarm erneut durch die rein biochemische Aufspaltung Eiweiße und Vitamine verdaut werden können. Einzig Vitamin C wird nicht durch die eigene Darmflora synthetisiert, weshalb dieses Vitamin immer durch die Fütterung mit verabreicht werden muss. Der Dickdarm entzieht dem nicht durch den Blinddarm passagierten Darminhalt das Wasser und formt durch kräftiges Auspressen allmählich die länglichen Kotpellets, die als Endkot schließlich ausgeschieden werden.

Alarmsignale

Das Zusammenspiel der einzelnen Abschnitte des Verdauungskanals ist feinst aufeinander abgestimmt und folglich leicht und nachhaltig störbar, wenn eines der Verdauungsorgane aus dem Gleichgewicht gerät. Somit ist jede Abweichung vom Normalzustand als Alarmsignal zu verstehen, wozu alle Symptome wie Futterverweigerung, Inappetenz, selektive Futteraufnahme, anormale Kaubewegungen, harter Bauch, aufgegaster Bauch, breiiger bis wässriger Durchfall, Verstopfung, übel riechende Kotpellets oder sogar Blut im Kot zu sehen sind.

Erstmaßnahmen des Tierarztes

Jede Störung des Magendarmkanals ist grundsätzlich ernst zu nehmen, da Meerschweinchen instinktiv ohnehin lange zögern, solche Symptome zu zeigen, da sie befürchten müssen, damit aus dem Tierverband ausgeschlossen zu werden. Dies erklärt auch, warum viele Patienten erst im Finalstadium ihrer Erkrankung als solche erkannt und in der tierärztlichen Praxis vorgestellt werden. Der Tierarzt/die Tierärztin erhebt die Anamnese, d.h. er/sie erfragt zunächst die Vorgeschichte hinsichtlich Fütterung, Futteraufnahmeverhalten und Krankheitssymptomen. Dann wird eine Untersuchung des Meerschweinchens durchgeführt, die durch Betrachtung (Adspektion) und Abtasten (Palpation) des Tieres sowie Feststellung der Körpertemperatur und des Kreislaufzustandes entsprechende Rückschlüsse über den Gesundheitsstatus des Tieres erlaubt. Bei Untertemperatur, Austrocknung, Schwäche und starkem Durchfall wird immer eine Infusion mit 0,9 %iger Kochsalz- und 5 %iger Glucoselösung gegeben, die schnell den Kreislauf stabilisieren, Wasserverluste ausgleicht und den Stoffwechsel bei Inappetenz wieder stabilisiert.
Um die Ursachen genauer abzuklären, ist meist eine weiterführende Untersuchung mittels Röntgen, eventuell auch Ultraschall, oder eine Kotuntersuchung erforderlich. Die Möglichkeiten der Erkrankungen sind vielfältig und die Diagnose kann lauten:

- Haarbezoare sind Haarknäuel, die durch die gleichzeitige Aufnahme vieler Haare und stärke- bzw. eiweißreicher Futtermittel entstehen und sich allmählich im Magen zusammenballen.

- Magenüberladung bis Magenruptur (Aufplatzen) durch unsachgemäße
Fütterung.

- Tympanien sind Aufgasungen einzelner, mehrerer oder aller
Magendarmabschnitte durch Fütterungsfehler wie die Aufnahme zu großer Mengen frischen Klees im Frühjahr, erhitztes Grünfutter, erhitztes oder zu junges Heu, stärkereiche Futtermittel in Kombination mit hefehaltigem Frischfutter.

- Gastroenteritis ist eine Magendarmentzündung, bedingt durch
darmpathogene Keime nach Aufnahme verdorbener, leicht gärender oder gefrorener Futtermittel.

- Obstipation ist eine Verstopfung durch feststeckende Haarballen oder andere Fremdkörper im Dünn- oder Dickdarm, gelegentlich auch verursacht durch Tumore, die den Darm komprimieren und einen Weitertransport des Darminhaltes auf diese Weise verhindern. Bei älteren Böcken kann auch eine Anschoppung von Sekret der Damm- oder Perinealdrüse zur Kompression auf den Enddarm führen und so den Kotabsatz verhindern.

- Sekundäre Magen-Darm-Störungen können als Folge von Primärursachen in anderen Organsystemen auftreten, wie beispielsweise auf Grund starker Schmerzen bei Blasensteinen, -tumoren und -entzündungen, Unterleibsschmerzen bei Gebärmuttererkrankungen, heftigen Zahnwurzelentzündungen oder bei der Osteodystrophie des Satinmeerschweinchens, dem heftige Schmerzen der Extremitätenknochen oder auch der Schädelknochen eine Futteraufnahme unmöglich machen.

- Parasitenbefall durch Kokzidien, Pilzsporen oder Würmer.

Behandlung

Die jeweilige Behandlung richtet sich natürlich nach der erhobenen Diagnose, d.h. nach der eigentlichen Ursache der Problematik. In jedem Fall ist außer der Ursachentherapie jedoch eine auf die Darmfunktion abgestimmte Erst- oder Begleittherapie des Verdauungskanals nach folgenden Gesichtspunkten angezeigt:

- Flüssigkeits- und Kreislauftherapie wie oben beschrieben

- Mittel gegen Gasbildung

- Arzneimittel gegen Übelkeit

- Arzneimittel zur Unterstützung der Darmperistaltik

- Schmerzmittel

- Gaben von Vitamin B-Komplex und Vitamin C

- bei Inappetenz Fütterung mit Babybrei plus aufgelösten Heupellets oder
anderen Arten von sog. „Päppelbrei“.

- ggf. darmspezifisches Antibiotikum

- Aufbau der Darmflora durch Gabe von Laktobazillen

- Heu und Wasser über mindestens 1 Woche, bei Dysbakteriosen über 4 bis 6
Wochen

Fazit

Magen-Darm-Störungen sind eine quälende Angelegenheit für die Meerschweinchen und eine Geduld fordernde Prozedur für Tierhalter und TierärztInnen. In jedem Fall ist jedoch schnelle Hilfe notwendig, und je früher die Problematik erkannt wird, desto aussichtsreicher ist die Chance, dass sich der Patient schnellst möglich wieder erholt. Spätestens dann ist dauerhaft auf eine artgerechte Fütterung zu achten, da einmal darmempfindliche Meerschweinchen rückfallgefährdet sind.