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Haarlosigkeit beim Meerschweinchen bedingt durch Eierstockszysten

Klinisches Bild und Diagnostik

Gelegentlich werden in der Kleintiersprechstunde weibliche Meerschweinchen vorgestellt, bei denen dem Tierhalter schon seit einiger Zeit ein langsam fortschreitender Haarverlust aufgefallen ist. Bei genauerer Betrachtung konzentriert sich der Haarverlust besonders auf den Flankenbereich. Dazu fällt in der Regel auch auf, dass beim Abtasten des Tieres die Flankenregionen im Bauchraum Verdickungen spüren lassen. Diese Verdickungen Bauchhöhle können ein- oder beidseitig auftreten. In der überwiegenden Zahl der Fälle tritt diese pathologische Veränderung beidseitig auf. Eine exakte Diagnose kann der Tierarzt/die Tierärztin in der Regel dann ableiten, wenn folgende Befunde in eindeutiger Weise vorliegen:

1. typischer Vorbericht durch den Tierbesitzer: allmählich zunehmender bilateral symmetrischer Haarausfall, besonders im Flankenbereich,

2. Palpationsbefund: beim Abtasten des Tieres ein- oder beidseitig feststellbare Verdickungen unter der Haut in der Bauchhöhle liegend, die je nach Fortschreiten des Geschehens bis zu Tennisballgröße annehmen können,

3. Röntgenbefund: ein- oder beidseitige Verschattung in der Region der Eier-
stöcke mit Verdrängung der eigentlich dort hingehörenden Organe in andere Bauchhöhlenregionen,

4. Ultraschallbefund: ein- oder beidseitig vorkommende, in den
Eierstocksregionen liegende, mit Flüssigkeit gefüllte Zysten, die einfach oder mehrfach gekammert auftreten können.

Ursachen der Erkrankung

Die Ursache für diese Erkrankung, die sich für den Tierhalter in einer krankhaften Veränderung der Haut widerspiegelt, liegt in einer hormonellen Entgleisung, die sich durch eine Überproduktion von Östrogenen und deren Wirkung auf das Haarwachstum manifestiert. Das weibliche Meerschweinchen hat einen Sexualzyklus von etwa 16 bis 19 Tagen. Diesem Zyklus liegt ein hormoneller Rhythmus zugrunde, der zu zyklisch verlaufenden Blutspiegeln von Östrogenen und Gestagenen führt. Diese Hormone werden von den Eierstöcken produziert. Diese Hormonproduktion unterliegt einem übergeordneten Regulationszentrum, der Hypophyse im Gehirn. Wenn diese Regulation über die von der Hypophyse ausgeschütteten Hormone, die auf die Eierstöcke und deren Hormonproduktion wirken, ins Ungleichgewicht gerät, kann eine Überproduktion von Östrogenen das Ergebnis sein. Ein gleichbleibend zu hoher Östrogenblutspiegel führt dann zur Östrogenwirkung auf die Haarfollikel, die in der Haut liegen. Das sind jene Strukturen, die als Haarwurzel für das Haarwachstum der Haare zuständig sind. Östrogene wirken auf das Haarwachstum hemmend. Folglich werden nur unzureichend oder überhaupt keine Haare mehr nachgebildet, so dass nach physiologischem Haarausfall ein erneutes Haarwachstum ausfällt. Die Haut wird immer lichter bis alopezische (= haarlose) Bereiche auffällig werden. Dieser Vorgang fällt als erstes im Flankenbereich auf, wobei bislang ungeklärt ist, warum der Haarverlust ausgerechnet hier am größten ist.
Das Meerschweinchen zeichnet sich des Weiteren dadurch aus, dass im Gegensatz zu anderen Haustieren wie besonders Hunden und Katzen das Haarwachstum nicht saisonal gesteuert ist. Es findet kein vermehrter Haarwechsel im Frühjahr und im Herbst statt, sondern das Meerschweinchenfell besteht aus unzähligen Haarbüscheln und jeder einzelne Büschel, bestehend aus einer Gruppe von 12 bis 20 Haaren, hat jahreszeitlich unabhängig seinen eigenen Rhythmus. Hier wechseln Haarwachstum- = Anagenphase, in der die Haare wachsen, mit Übergangs- = Katagenphase, in der das Wachstum zum Stillstand kommt mit einer Ruhe- oder Telogenphase ab, welcher nach einiger Zeit der Ausfall der betreffenden Haarbüschelgruppe folgt. Normalerweise liegt beim gesunden Meerschweinchen eine Asynchronizität der vielen Haarbüschel vor, so dass ein Gleichgewicht über alle drei Haarwachstumsphasen besteht. Es werden stets gleich viele Haare wachsen wie ausfallen. Eine hohe Östrogenkonzentration bewirkt jedoch eine Synchronisation aller Haarbüschelwachstumsphasen des Meerschweinchens, die letztendlich in der Telogenphase verharren und somit zu einem Überwiegen des Haarausfalles führen.

Therapie

Ziel einer Therapie ist einerseits die Herabsetzung des erhöhten Östrogenspiegels sowie andererseits die Entfernung der Ovarialzysten. Eine konservative (= nicht-chirurgische) Therapie kann mithilfe eines weiteren Hormons durchgeführt werden, wobei das am besten wirksamste Mittel das Chlormadinonacetat ist. Dieses Mittel ist ein synthetisch hergestelltes Gestagen, also der hormonelle Gegenspieler des Östrogens. Es hat die Wirkung, den Östrogenspiegel zu senken, so dass folglich auch die Östrogenwirkungen, nämlich der Haarverlust des Meerschweinchens, schwindet. Die Haare wachsen wieder nach. Leider werden jedoch nicht die Ovarialzysten zurückgebildet und die Wirkung dieses Gestagens nicht auf Dauer sein, so dass in den meisten Fällen nach einigen Monaten ein erneuter Haarverlust auftritt. Folglich muss erneut dieses Mittel eingesetzt werden. Damit die Problematik nicht wieder in ihrer ganzen Wirkung zutage tritt, ist eine regelmäßige Chlormadinon-Injektion im Abstand von etwa fünf Monaten erfolgreich.
Außer einer solchen konservativen Behandlung bietet sich alternativ die operative (chirurgische) Entfernung der Eierstockszysten an. Für diese Vorgehensweise spricht die einmalige, wenn auch aufwendigere Behandlung. Jedoch ist damit das Problem ein für alle Male ausgestanden. Die meisten Meerschweinchenbesitzer scheuen einen solchen Eingriff, da allgemein bekannt ist, dass Meerschweinchen sehr narkoseempfindlich sind und möglicherweise ein solcher Eingriff ein großes Risiko bedeuten kann. Heutzutage gibt es jedoch durchaus Narkosetechniken, die das Risiko auf ein ganz geringes Minimum reduzieren: Mithilfe einer Inhalationsnarkose mit dem Narkosegas Isofluran kann eine Narkose angewendet werden, die schon bei der Narkosedurchführung selbst am allersichersten gesteuert werden kann und vor allem gibt es keinen langen und risikoreichen Nachschlaf. In dem Moment nämlich, in dem die Narkose abgesetzt wird, wird auch das Narkosegas innerhalb einer kurzen Zeitspanne von etwa 5 bis 15 Minuten bei einem ansonsten gesunden Tier abgeflutet, so dass das frisch operierte Meerschweinchen innerhalb der nächsten halben Stunde wieder vollkommen fit ist.

Fazit

Eierstockszysten, die mit einer erhöhten Östrogenproduktion einhergehen, treten beim weiblichen Meerschweinchen relativ häufig auf. Je jünger das Tier beim erstmaligen Auftreten dieser hormonellen Entgleisung ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass immer wieder diese Problematik auf den Tierbesitzer zukommt und umso sinnvoller ist es, über eine chirurgische Entfernung der Eierstöcke nachzudenken. Eine Narkose sollte in diesem Zusammenhang nicht so sehr gescheut werden, wenn eine gut steuerbare Inhalationsnarkose mit Isofluran durchgeführt wird.